"Pfarrerinnen und Pfarrer verkünden Verzeihung, und selbst Psychologinnen und -wissenschaftler sind sich einig: "Vergebung macht uns frei und gibt uns den Blick nach vorne frei. Aber wenn die Seelenvergebung so heilend ist, warum ist sie dann so schwierig? Wieso vergibst du so etwas? Eines ist gewiss: Wer sich nicht vergibt und andere hängen bleiben, hat keinen emotionalen Weg nach draußen gefunden.
In extremen Fällen kann diese Belastung die Menschen gar erkranken lassen, mahnen Fachleute. "Unsere Perfektionierung verhindert, dass wir erkennen, dass wir, solange wir existieren, immer Irrtümer machen", sagt die Therapeutin und Autorin Anna Elisabeth Röcker ("Die Befreiungskraft der Vergebung", Knaur). Der Verunglückte sollte für die Diplompsychologin Dorothee Döring ("Family Secrets & Taboos", MVG) bei solchen Unterhaltungen immer eines im Auge behalten: "Vergeben bedeutet nicht, Fehlverhalten zu rechtfertigen oder zu unterstützen.
Muss man wirklich alles verzeihen? "Nein " ist Anna Elisabeth Röckers eindeutige Aussage. "Schwerwiegende Schuldgefühle können das verhindern. "So hatte eine Jugendliche, die vom Partner ihrer Mütter misshandelt worden war, nach jahrelangen Therapien verkündet, dass sie ihrer Mütter jetzt verzeihen kann. Ein so unerträglicher Akt ist zwar nicht zu verzeihen, aber der grösste Fortschritt auf dem Weg zu einem neuen Anfang wird gemacht, wenn man einen Weg aus der Brutfalle erfährt.
Dies kann jedoch nur gelingen, wenn wir uns erlauben, nicht verzeihen zu können und so mehr Raum für positives Denken und Lebensfreude zu haben. Inwiefern und was wir vergeben können, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch davon abhängig, wie sehr unser Inneres betroffen ist. Wenn Vergebung nicht möglich scheint, ist vor allem eines hilfreich: Sprechen, Plaudern, Sprechen.
Falls das nicht möglich ist, sollten Sie sich auf gute Freunde verlassen. Auf der einen Seite, um den Unmut der Menschen zu sprechen, auf der anderen Seite, um eine unparteiische Stellungnahme zu erhören. Ein solcher Perspektivwechsel kann dazu beitragen, dass der eine den Grund für das Verhalten des anderen sieht und nicht anders als sein Lebenszusammenhang.
Ungefähr ein Jahr nach diesem schmerzvollen Tag hat Katja selbst mit dem Mann einer Bekannten geschlafen. Katja kann dieser Dame immer noch nicht verzeihen, aber sie kann ihr wieder in die Augen sehen, wenn sie ihr durch Zufall begegnet. Wäre sie damals befragt worden, hätte sie es für ausgeschlossen halten können.