Das Einsamkeitsgefühl liegt in der Mitte des Meeres, nämlich in der Karasee im Norden Sibiriens. Die Sicht auf diese trostlose Insulaner muss den Norweger, der ihr einmal den Titel gab, an die schmerzliche Lust auf den Umgang mit anderen Menschen erinnern. Vereinsamung. Gelegentlich betrifft uns dieses qualvolle Empfinden nur kurz, vergänglich wie ein Atmen.
Aber manchmal zerquetscht uns die Abgeschiedenheit quasi, zaubert sogar Seuchen hervor oder erwürgt jeden Mut zum Dasein. Besonders deutlich wird das Erlebnis, wenn sich etwas im Alltag grundlegend ändert - zum Beispiel, wenn Menschen das Haus ihrer Eltern zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum verlässt, ihren Wohnsitz wechselt, einen Partner verliert oder ihren Job aufgibt.
In solchen Fällen sind viele Menschen auf sich allein gestellt, möglicherweise zum ersten Mal in ihrem Dasein. "â??Ein bereiftes Zusammenleben entspringt nicht der sozialen Normâ??, sagt die Diplomsoziologin Caroline Bohn, eine unabhÃ?ngige Beratungsexpertin, die sich auf einsamkeitsbezogene Probleme konzentriert. Aber auch das Problem der Abgeschiedenheit haben die Forscher lange Zeit vermieden.
Wiederum 16 Prozentpunkte fühlt sich ab und zu einsam. Weitere Umfragen zeigen, dass sich Jugendliche häufiger allein fuehlen als aeltere Menschen und dies als quaeler wahrnehmen. In weiteren elf Prozentpunkten kommt es zu depressiven Stimmungen, die oft auf ein Einsamkeitsgefühl zurückzuführen sind. Vielleicht verhindert die Furcht vor Vereinsamung auch, dass viele Schulabgänger ihre gewohnte Umwelt zum Lernen aufgeben.
Vielmehr ist es für viele Schulabgänger wichtig, dass der zukünftige Ausbildungsort nicht weit von ihrer Wohnung weg ist. So wie der Appetit ein Zeichen dafür ist, dass der Organismus nicht genügend Essen bekommt, mahnt uns die Abgeschiedenheit, wenn wir den Umgang mit anderen aufgeben.
Den Einsamkeitsbegriff "sozialer Schmerz" nennt der US-amerikanische Diplompsychologe John Cacioppo von der University of Chicago. Der selbstverständliche Wunsch nach Mitmenschen kann den Menschen so erfassen, dass auch seine mentalen Möglichkeiten darunter leiden: Doch nicht nur die Seele allein ist es, die auf eine chronische Verlassenheit anspricht. Die Auswertung von 148 Untersuchungen mit Angaben von 30000 Personen zeigte, dass Menschen mit sozialer Unterstützung älter sind als Menschen mit weniger festen Bindungen.
Dabei zeigte sich, dass Vereinsamung ebenso gesundheitsschädlich ist wie Tabakkonsum, übermäßiges Gewicht oder mangelnde Bewegung.